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Facts zum Rückgang der Facebook Nutzerzahlen

6.7.2012

„Zu stressig, Facebook laufen die Kids davon“ prangerte gestern auf der Titelseite der 20 Minuten. In der Onlineausgabe heisst es „Junge kehren Facebook den Rücken„. Stimmt es wirklich, dass die junge Generation überfordert ist und von Facebook flüchtet, weil es zu kompliziert ist? Oder ist es nur ein Sturm im Wasserglas? 

Am Montag wurden im Bernetblog die aktuellen Zahlen der Facebook Nutzer veröffentlicht, woraus ersichtlich ist, dass die Teenies in der Schweiz im Monat Juni weniger aktiv auf Facebook waren.

Seit dem Börsengang im Mai steht Facebook erst recht im Fokus der Öffentlichkeit. Die Medien stürzen sich förmlich auf jede Schreckensmeldung und beschwören das Ende von Facebook herbei. Es ist die Rede von 10’000 Abmeldungen der 13-15 Jährigen auf Facebook in der Schweiz. Das stimmt jedoch nicht. Es handelt sich hierbei lediglich um 10’000 Nutzer, die weniger aktiv sind. Die Zahlen wurden, wie in den meisten Fällen, über den Facebook Ads Manager erhoben, mit dem man beim Erstellen einer neuen Werbeanzeige die aktiven Nutzerzahlen auswerten kann.

5 andere Gründe für den Rückgang

20 Minuten stürzte sich gleich auf die offensichtlichsten Themen. Facebook ist zu kompliziert und überfordert die junge Generation. Ausserdem sei es nicht mehr Cool, wenn die Eltern auch dort sind und Firmen es als Werbeplattform nutzen. Gerade die Kommerzialisierung durch Firmen ist ein akutes Thema. Die Best Practices haben gezeigt, dass sich die Nutzung von Facebook lohnt, wenn man es richtig macht. Leider erhoffen sich viele Unternehmen den schnellen Erfolg und fluten Facebook mit ihrem Werbebotschaften.

Die folgenden Indizien sollen vor allem klar machen, dass der Rückgang in einem Monat ein zu kurze Zeit ist, um eine aussagekräftige Gründe zu benennen. Schaut man sich nämlich mal genauer den Zeitpunkt an, fällt folgendes auf:

  • Prüfungen
    Der Monat Juni ist in vielen Kantonen der Schweiz ein Prüfungsmonat. Man könnte also meinen, dass sich die Jugend von Heute nicht von Facebook ablenken lässt und lernt.
  • Gutes Wetter
    Der Monat Juni hat uns grösstenteils gutes Wetter beschert. Auch wenn die mobile Nutzung laufend zunimmt trifft man sich in der Badi meist mit den Kollegen. Ein Austausch auf Facebook wird somit überflüssig.
  • Verbot durch Eltern
    Facebook steht immer wieder in schlechtem Licht. Viele Eltern fragen sich, ob und wie sie ihrem Kind den Zugang geben wollen. Da kann es schon vorkommen, dass es gesperrt wird.
  • Es ist uncool
    Im Gespräch mit Teenagern hat sich herausgestellt, dass es Coolness-Faktor gesunken ist. Lehrer berichten mittlerweile ähnliches. Es könnte damit im Zusammenhang liegen, dass die Teenies nicht da sein wollen wo Eltern und Grosseltern nun auch schon sind.
  • Regelmässiger Rückgang im Sommer
    In der nachfolgende Grafik vom Bernetblog habe ich mir die Mühe gemacht die Monate mal etwas genauer auszuwerten. Daraus geht hervor, dass die Sommermonate nie sehr gut gelaufen sind, ausser in der starken Wachstumsphase 2008 – 2009. Seit die Nutzung im letzten Jahr stagniert, konnte man bereits einen Rückgang feststellen.

Original von bernetblog.ch / serranetga.ch. Überarbeitet von Chris Beyeler, www.webdenker.ch

Keine voreiligen Schlüsse ziehen

Jetzt heisst es erstmal tief durchatmen und den weiteren Verlauf der Zahlen mitverfolgen. Auch wenn viele Selbsttests im Bekanntenkreis zeigen, dass die Nutzung im Moment zurück gegangen ist, so sollte man die Aktivität über eine Zeitspanne von mindestens 3 Monaten beobachten, um herauszufinden ob es wirklich Aussteiger sind oder nur eine temporäre Flaute. Zur Beruhigung kann man sich auch Statistiken aus anderen Ländern anschauen. Beispielsweise sind in Deutschland die Nutzerzahlen der aktiven 13-17 jährigen angestiegen.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel etwas Aufklärung leisten konnte und gezeigt habe, dass die Medien einmal wieder nur auf eine Schlagzeile aus waren. Jetzt heisst es erstmal abwarten, beobachten und die nächsten Zahlen genau anschauen und richtig interpretieren.

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  • Danke Chris für den umsichtigen Artikel – eigentlich sollten solche Hinterfragungen die seriösen Journalisten machen, aber bashing ist nun mal halt beliebt und negative Schlagzeilen gut für die Leserzahlen. Ein weiterer Aspekt, der hier mitspielen kann sind die „geburtenschwachen Jahrgänge“ …
    Allerdings muss einfach nochmals erwähnt werden, dass die Zahlen des AdManagers grundsätzlich ungenau sind und schwanken.

  • Sehr informativer, aber vor allen Dingen interessanter Beitrag. Da kommen einem beim Durchlesen selbst einige Fragen auf, über die man vorher gar nicht nachgedacht hat.

  • André

    Ich finde dass du noch etwas (für Jugendliche, oder Nutzer wie mich wichtiges) ausgeblendet hast. Nämlich, Facebooks ständiger Drang sich zu ändern. Diesen Sommer ist die bekannteste Änderung ja die, dass mittlerweile im Chat angezeigt wird, wann der Partner die Nachricht gelesen hat. Dies setzt die Nutzer leicht unter Druck stellt. Vor allem junge Nutzer, wissen nicht wie sie a) Damit umgehen können, dass der andere sieht wie sie ihn „ignorieren“ und b) weil man selbst „nervös“ wird, wenn man das Gefühl hat vom anderen „ignoriert“ zu werden.
    Facebook ist so WhatsApp ähnlicher geworden. – Wohl eine Strategie von Facebook, bei der Mobile-Kommunikation mitziehen zu können. – Dies zog aber eher an den Ansprüchen der Nutzer vorbei und die Jugendlichen, die eh meist mit dem Smartphone unterwegs sind, sehen keinen Vorteil mehr im Facebook chat.
    Mit deinen anderen Thesen bin ich durchaus einverstanden.

    • Hi André

      Das ist ein interessanter Punkt, über den ich mir noch gar keine Gedanken gemacht habe. Dies würde aber bedeuten, dass die junge Generation Kommunikativ immer schlechter wird. Denn das was Facebook abbildet ist mittlerweile fast wie echte Kommunikation Face2Face.

      Gruss Chris

    • Leo

      Ja, und wenn die Leute im schönen Wetter mehr draussen sind, wird trotz mobiler Devices viel weniger kommuniziert. Viele haben keine SIM Karten, sondern chatten etc. nur, wenn sie bei einem (Gratis)Wlan sind (McDonalds etc. oder zu Hause).
      Damit wirklich immer und überall mobile kommuniziert wird, müssen die Datenpreise nochmals tüchtig runter und die Übertragungsraten höher werden.
      Dagen werden dann die AntennengegenerInnen Sturm laufen.

  • André

    Genau das ist meine These. Ich befasse mich viel mit der Kommunikation der Jugend und stellte auch schon die Frage in den Raum, ob unsere Kinder ihre Emotionen auch noch ohne smilleys ausdrücken können. Die Jugend flüchtet sich in die zeitversetzte Kommunikation, die ihnen ermöglicht verantwortungsvoller / erwachsener zu erscheinen und ein gewisses image zu bewahren. Gesellschaftsdruck spielt wahrscheinlich eine Rolle, wie auch der Umstand, dass sie zur f2f Kommunikation mit den gleichaltrigen nicht mehr gezwungen sind. Die Alternativen sind unzählig und gewisse Hindernisse wie z.B.: benötigte Gadgets oder Eltern die das Telefon zuerst abheben, sind in unserer Wohlstands-Insel nahezu eliminiert.

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  • Agnes

    Alles richtig aber ein, meiner Meinung nach, wichtiger Punkt fehlt: Die Spiele!
    Zynga bietet einige Spiele auf Facebook an und diese haben- wenn man die „Like-Zahlen“ sieht Millionen Fans. Viele der Spieler haben mindestens zwei Facebook-Accounts, teilweise mehr, denn diese Spiele benötigen ein Heer von „Nachbarn“. Bereits seit einiger Zeit gibt es immer wieder Probleme mit der Technik, der Support ist nur english und Zynga kümmert sich lieber um Neuerungen und insgesamt neue Spiele statt um die Behebung bekannter Bugs. Ergebnis: Viele haben bereits frustriert aufgehört oder spielen nur noch wenig, wodurch natürlich auch die nicht mehr benötigten Accounts brach liegen.

    Ich- zugegeben auch ein „Spielsuchti“ hatte zwei Accounts, nutze nur noch einen und gehe immer seltener zu Facebook. Ich gehe nur zu Facebook um zu spielen und wenn die Spiele weg fallen brauch ich auch kein FB

    • Hallo Agnes

      Das ist sicher ein weiteres Indiz. Gibt es dafür irgendwelche Fakten, bzw. belegbare Zahlen? Beispielsweise weiss man nicht, ob Facebook im Ads Manager die vermeintlichen „Fake Accounts“ rausfiltert. Und es ist auch nicht klar ob es sich dann auch wirklich nur auf die Teenies auswirkt. Denn soweit ich beobachten konnte, spielt vor allem die Ältere Generation Spiele auf Facebook.

      Gruss Chris

      • Agnes

        Hallo Chris,

        über belegbare Zahlen weiß ich nichts.
        Ich weiß nicht in wie weit Facebook in der Lage ist „richtige“ Namen von Nicks zu unterscheiden und zu filtern. Die merken zwar das einige ihre realen Namen nicht angeben aber ein Account der aktiv ist als „Fake“ zu erkennen?

        Die Spiele werden immer mehr und „man“ bemüht sich auch die jüngeren ran zu ziehen mit Poker oder einfachen bunten Bubble-Spielchen bei denen man die richtigen Bälle treffen muss.Alles in mehreren Varianten aber alle mit dem „Sammel-Freunde-System“.
        Ich habe auch einige jüngere „Nachbarn“ und da immer dafür gesorgt ist das sich „versehentlich“ Freunde in der Spiel-Nachbarliste befinden die bisher nicht spielen,werden die zwangsweise mit Spieleanfragen bombardiert. Da werden Interessen geweckt.

        Aber hier genau liegt auch ein Problem, denn so einige schauen zwar mal in die Spiele rein- was nur geht wenn man den Zugriff auf den Account genehmigt- aber dann spielen sie nicht weiter aber sie werden weiter mit Anfragen und Posts belästigt weil sie aus den Listen nicht gelöscht werden können. Viele – vor allem jene die nicht wissen wie sie das stoppen können-haben irgendwann keine Lust mehr und bleiben Facebook fern.

      • Hi Agnes

        Ich sehe das genauso. Die immer grösser werdenden Anforderungen der Nutzer gepaart mit dem Entwicklungsdran und Innovationen von Facebook ergeben eine hochkomplexe Umgebung, die sich zudem wöchentlich ändert.

        Aber schlussendlich ist es wieder der Grund „Komplexität“, welcher schon von 20 Minuten aufgenommen wurde und ich ihn deswegen hier nicht erwähnt habe.

        Gruss Chris

  • Thorsten

    Jetzt hat der Facebook-Schwund auch Deutschland erreicht!
    http://www.n-tv.de/technik/Facebook-verliert-an-Reiz-article6657116.html
    Wenn das so weiter geht, hat Facebook bald gar keine Nutzer mehr ;-)

  • Ich denke, dass es sehr viele Faktoren sind, die den Rückgang der Zahlen beeinflussen. Zum einen mit den lockeren Datenschutzregeln, aber ich denke auch die Konkurrenz durch Google+ ist nicht zu unterschätzen.

  • Die Zahlen, wie aussagekräftig auch immer sie auch sind, haben offensichtlich einen Nerv getroffen. Kaum haben wir verstanden, wie Firmen über Facebook kommunizieren können, wandert DIE wichtigste Zielgruppe schon wieder ab!

    Ich beobachte bei meiner 12-jährigen Tochter, dass sehr viel über Chats läuft. Kik war angesagt, zur Zeit ist WhatsApp hoch im Kurs. Man kann Gruppen anlegen, hat einen geschützten Raum, notabene ohne Werbung, es ist schlank, sehr fokussiert. Wenn es anfängt zu nerven, ist schnell eine andere App installiert.

    Kommunikation ist der gemeinsame Nenner, Games interessieren nicht alle, Datenschutz ist den Kids noch egal, Google+ wird nicht wahrgenommen.

    Facebook wird als „Infrastruktur des Webs“ wahrgenommen, die coole Musik spielt woanders. Voilà.

  • Danke Chris für deinen zweiten Blick auf die Zahlen. Wir tun genau das, was du anregst: Nur alle drei Monate die Entwicklung aufzeigen. Die Abnahme des jüngsten von uns mit Serranetga erhobenen Segments ist auffällig und aus meiner Sicht kein Monats-Ferien-Adplanner-Ausrutscher. Ein Vergleich über die letzten sechs Monate zeigt einen wesentlich happigeren Rückgang.

    „Davon laufen“ tun noch lange nicht alle Teenies. Aber es zeigt sich ein Trend, der auch durch „ungenaue“ Adplanner-Zahlen nicht wegzudiskutieren ist. Ob er so bleibt? Die Entwicklung zeigen wir laufend auf http://bernetblog.ch/tag/schweizer-facebook-zahlen/

    • Hi Marcel

      Ich glaube auch nicht, dass es ein Adplanner-Ausrutscher ist. Aber ich glaube das jetzt der falsche Zeitpunkt ist, um festzustellen, ob Teenies Facebook wirklich verlassen. Denn wie in der Grafik ersichtlich wird, befinden wir uns in den Flaute-Monaten. Die gesamten Benutzerzahlen bleiben ja weitgehend konstant, deswegen bin ich der Meinung, man sollte den weiteren Verlauf beobachten. Schliesslich werden die Benutzer ja älter :-)

      Gespannt bin ich auf die Ergebnisse eurer Umfrage, wo sich die Jugendlichen jetzt tummeln.

      Gruss Chris

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