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Designtrend: die Welt wird wieder flach

18.3.2013

Designtrend: die Welt wird wieder flach

Vor genau 12 Jahren sass ich an einem 21 Zoll Röhrenbildschirm, welcher exakt 30 Kilo wog. Damals absolvierte ich ein Praktikum in einem Grafikatelier und klickte mich durch das Betriebssystem Mac  OS 9.

So voluminös mein Bildschirm auch aussah, die grafische Oberfläche des Betriebssystems war flach und nur mit wenigen Effekten versehen. Mit der Einführung von Mac OS X im gleichen Jahr kam dann die Wende und alles wurde dreidimensionaler. Und heute, über eine Dekade später, scheint die Design-Welt plötzlich wieder alles flach gestalten zu wollen.

Mac OS 9 vs. Mac OS X

Mac OS 9 (flach) vs. Mac OS 10 (Glanz, Schatten und mehr 3D-Effekte)

Microsoft als Trendsetter

Seit dem Launch von Windows 8 und der Entlassung des Apple Software Managers Scott Forstall, diskutiert man auf unzähligen, international bekannten Design-Blogs das Thema Flat-Design. Und Webdesigner haben plötzlich Angst, dass sie einem Trend folgen müssten. Jetzt, nachdem sie über Jahre ihre Trickkiste mit Schlagschätten, Verläufen und Texturen gefüllt haben. Einige warten darauf, wie Apple auf dieses Thema reagieren wird. Andere fragen sich, ob man denn jetzt nur noch im flachen Design gestalten soll. Die Antwort ist einfach: natürlich nicht. Warum, erkläre ich gerne während einer kurzen Reise durch die Vergangenheit.

Flat-Design 3000 v. Chr.

Jeder kennt die flach gemalten Figuren aus der ägyptischen Malerei. Scheinbar naiv wurden Personen wie plattgewalzte Frösche seitlich und gleichzeitig von vorne gemalt. Keine Überlappungen von Personen, keine Perspektive, Fluchtpunkte oder gar Licht- und Schatteneffekte wurden dargestellt. Waren die Menschen vor 5000 Jahren schlicht zu ungebildet, um dreidimensional malen zu können?

Tomb Of Nakht - Ägyptische Malerei

Der typische zweidimensionale Darstellungsstil der Ägyptischen Malerei

Weit gefehlt: wir wissen noch heute nicht genau, wie die Ägypter damals 2,5 Millionen Blöcke mit einem Gewicht von 2 Tonnen pro Quader zu einer Pyramide verbaut haben. Die Menschen kannten zu dieser Zeit Gesetzmässigkeiten der Proportionalität und waren im Stande, massstabsgetreue Vergrösserungen und Verkleinerungen durchzuführen. Der Grund, warum die Malerei dereinst so zweidimensional und flach war, ist ganz einfach: der Inhalt des Bildes stand im Vordergrund und nicht die optische Täuschung oder die möglichst realitätsnahe Abbildung.

Die Grösse der Figuren wird in Abhängigkeit von der Bedeutung des Dargestellten gewählt (Reste dieser Haltung sind in unserer Sprache geblieben: der kleine Mann von der Strasse oder die Grossen der Filmgeschichte).

Illusionen und die erste Perspektive

Selbst die Griechen beherrschten die Perspektive und hätten diese auch in der Malerei einsetzen können. Doch seinerzeit empfand man sie als antikünstlerisch und überflüssig. Stattdessen malten sie ähnlich wie die Ägypter, flächig und symmetrisch. Trotzdem gab es in den seichten Gewässern der angewandten Kunst den sogenannten Illusionismus. Er wurde für die Erzeugung einer scheinbaren Realität auf der Theaterbühne eingesetzt um den «verantwortungslosen, weltflüchtigen, vergifteten Subjekt» Zuschauer zu täuschen (scheint das TV von damals gewesen zu sein).

Erst Ende des 13. Jahrhunderts, zu Beginn der Renaissance, führte ein sich wandelndes Weltbild zu dem Bedürfnis, neue Bilder zu erfinden. So begannen Künstler wie Giotto die Perspektive in Bildern einzuführen und somit Figur und Grund optisch zu verbinden.

Giotto - Scrovegni

Giotto di Bondone war einer der ersten, der den damals frevelhaften Versuch wagte, Perspektive einzusetzen

Von flach zu hyperrealistisch

Ohne nun alle Stilrichtungen der Kunstgeschichte durchgehen zu wollen, an einer kommen wir trendmässig nicht vorbei: die des Herrn Picasso, dem Kubismus (1907-1914). Das frühere Ziel, einer möglichst naturalistischen Nachbildung der Wirklichkeit, wich einem neuen systematischen Bildaufbau. Gegenstände wurden auf ihre Grundformen reduziert, Farben wurden nicht der Impression nachempfunden, sondern gegliedert arrangiert. Die kubistische Kunst ist eigentlich ein Zerlegungsprozess: Raum, Gegenstand und Farbe werden auf ihre Grundelemente zurückgeführt.

Kubismus - La Fresnaye

Ausschnitt eines Bildes von La Fresnaye: abstrakte Flächen und Farben bestimmen den Kubismus

Auf diesen Trend folgte erneut ein Gegentrend im Stil des Hyperrealismus. Nicht die exakte Nachbildung des Realismus stand im Vordergrund, sondern eine fotorealistische Übersteigerung der Wirklichkeit, eine «überschärfte Realität».

Hyperrealismus

Fotorealistische Übersteigerung als Gegentrend: Hyperrealismus

Webdesign der letzten 10 Jahre

Diese kunsthistorischen Beispiele zeigen auf, was wir alle längst aus dem Modebusiness kennen: ein Trend folgt dem nächsten. Oft in Form eines Gegentrends, als Remix oder Revival. Blicke ich auf die letzten zehn Jahre zurück, gab es bislang keinen Design-Trend welcher meine Arbeit nachhaltig geprägt hätte. Zu Beginn des Internet-Booms bemühte man sich, so rasch wie möglich in der neuen Herausforderung Interaktivität gestalterisch einen Weg zu finden. Viele Grafiker versuchten das Gelernte aus dem Print-Bereich auch im Webdesign anzuwenden. Das war und ist nicht grundlegend falsch. Doch für das interaktive Ausgabegerät Bildschirm gilt es natürlich andere Faktoren zu beachten als beim bedruckten Papier.

Screenshot Ableton Live 2

Das Interface der Musik-Software Ableton Live 2 sah bereits 2002 fast identisch wie die heutige Version 9 aus: flach

Oft diente in der Vergangenheit Apples Website und Software als Vorbild für viele Designer. So zierten eruptiv sogenannte «Glossy»-Buttons mit Glanz-Effekten weltweit Millionen Interfaces, nachdem OS X diese so abgebildet hatte. Apple machte auch mit der Einführung des iPhones den sogenannte Skeuomorphismus trendy: eine eBook-App sieht aus wie ein Bücherregal, das Adressbuch ist in Leder gefasst und eine Game-Community-App wird über grünen Spieltisch-Filz gelegt. Oder das iOS-App iPhoto zieht alle Register und stellt Pinsel zur Bearbeitung dar.

Skeuomorphismus, Bsp. iPhoto (iPad)

Apple setzte in den letzten 10 Jahren immer wieder auf Design-Zitate aus unserer realen Welt

Wie wir Designer profitieren können

Ob nun Flat-Design ein anhaltender Trend wird oder nicht: Tatsache ist, dass es dazu bereits zahlreiche Blog-Posts und Websites gibt. Für uns Designer sehe ich vor allem die positiven Auswirkungen von Trends – noch besser und kreativer zu werden. Die Design-Richtung Flat-Design verlangt nach weniger «Effekthascherei», Reduzieren und Weglassen, was die Benutzbarkeit von Interfaces erhöhen kann. Raster und Layouts werden (wie «damals» im Print-Bereich) wieder wichtiger und fördern Gestaltungs-Konstanten.

Fazit

Das Internet steckt heute in unserer Hosentasche und ein alltäglicher Gebrauch verlangt von uns viel Filter-Power, wenn es um das Weglassen irrelevanter Informationen und Design-Elementen geht. Flat-Design verlangt genau nach dieser Reduktion und taucht scheinbar im richtigen Moment auf. Ich bin überzeugt, dass dieses Jahr vieles an frischem und neuen Webdesign entstehen wird. Es stellt sich für mich nicht die Frage, ob Flat-Design nun ein Trend wird oder nicht. Sondern ich begrüsse vielmehr die damit verbundene Herausforderung, Arbeits- und Gestaltungsmuster überdenken zu können.


Weitere Spannende Links zum Thema «Flat Design»:

Quellen:

 

Usability - MySign

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  • Danke, David, für den inspirierenden Artikel. Ein Screendesign steht bei mir gerade an und hat mich in meiner Wahl der Design-Richtung bestätigt. Im Grundsatz wird es ein Flat-Design mit vielleicht ein bisschen „Schätteli“. Aber vorallem wird es ein Design, das die Inhalte klar hervorheben soll. Content Marketing auf Design-Ebene sozusagen.

  • Sehr schön, freut mich, wenn dir der Artikel bei der Arbeit geholfen hat. Auch Google hat ein wenig “Schätteli” – wenn man genau hinschaut. Aus meiner Sicht eine gute Richtung.

  • Hallo David, danke für den interessanten Beitrag. Was mich am „Flat Design“ bzw. am „Metro UI“ von Microsoft irritiert, ist, dass dieser Ansatz nach meinem Dafürhalten der Millerschen Zahl widerspricht (http://de.wikipedia.org/wiki/Millersche_Zahl). Bisher sind wir immer davon ausgegangen, dass ein gutes UI nicht mehr als 7+/-2 Hauptnavigationspunkte haben sollte. Und plötzlich beobachte ich UI, die vollkommen verkachelt sind. Wo bleibt da die einfache und schnelle Orientierung?

    • Danke Christian für deine spannende Frage. Das 7ner Gesetz ist auch bei uns immer wieder ein Thema (z.B. der Informations-Architektur einer Website). Das Metro Design basiert in der visuellen Sprache in traditioneller Schweizer Grafik (siehe auch http://en.wikipedia.org/wiki/Metro_(design_language). Aus meiner Sicht sind die Anforderungen an den Windows 8 Startscreen mit den sog. „Live Tiles“ nicht die gleichen, wie die an die Navigation einer Website. Das Design ist hier vorwiegend für Touch-Devices wie Tablets und Smartphones optimiert und gewährleistet einen schnellen Überblick über neue Mails, Wetter etc, ohne jeweils das Programm selbst starten zu müssen. Die Problematik dabei ist, dass das Kachel-Design eben nicht für Maus und die Desktop-Ansicht optimiert ist.

      Der gerne provozierende Usability-Experte Nielsen kritisierte Windows 8 als „enttäuschend“ im Bezug auf die Usability: http://www.nngroup.com/articles/windows-8-disappointing-usability/. Nielsens Überlegungen kann ich zum Teil unterstützen, in einigen Punkten finde ich seine Ansicht aber auch etwas old-school.

      Microsoft hat mutig klassisches Design auf erfischende Weise in der neue Windows Version umgesetzt. Die Reduktion ging aber in einigen Punkten zu weit und die Usability leidet offenbar zum Teil darunter (wichtige Funktionen z.B. die zuerst gefunden / eingeblendet werden müssen).

      Apple hat die iOS Funktionalität (Ansicht iPhone/iPad Homescreen z,B.) unterdessen auch in der Desktop OS Version integriert. Im Moment aber als separat startbare Applikation / Ansicht und nicht als Standard.

      Eine benutzerfreundliche und schnelle Orientierung ist in einer vertikalen oder horizontalen Navigation sicher einfacher als in einem Kachel-Raster. Doch gerade auf Smartphones hat ein User im Schnitt 40 Apps installiert – da kommt man mit der Reduktion auf die Zahl 7 nicht mehr sehr weit und neue Ideen sind gefordert. Ich bin überzeugt, dass hier bald neue und vor allem dynamischere Navigations-Muster auftauchen werden müssen.

      • Danke, David, für die Antwort. Interessant ist in diesem Zusammenhang ja auch das neue Design von http://www.ch.ch. Mal sehen, wie sich diese Trends weiterentwickeln werden.

  • Pingback: Viele iOS 7 Design-Konzepte - ApfelBlog()