Sind die Tage des Handels gezählt?

9.7.2015

Im E-Commerce vergeht kein Tag ohne dass man von neuen Hiobsbotschaften hört, was den stationären Handel angeht. Mehr und mehr verlagert sich der Verkauf von allen denkbaren Artikeln ins Internet. Auch Produkte, bei denen man bis vor kurzem sicher war, dass sie sich über Internet kaum verkaufen lassen, weil beratungsintensiv, weil sehr individuell, weil mit einer Anprobe verbunden, finden nun dank neuen Geschäftsmodellen einerseits und aber auch wegen einer neuen Käufer-Generation den Weg ins World Wide Web.

Und ein weiteres Phänomen verbreitet sich: Immer mehr geht der Konsument direkt zum Hersteller. Er ist dank Internet viel besser informiert und weiss genau was er will. Mit einer Online-Recherche findet er rasch nicht nur den günstigsten Anbieter, sondern sehr einfach auch den Hersteller selbst. Diesem Umstand tragen auch Hersteller immer mehr Rechnung und bieten die Möglichkeit, dass man ihre Produkte auch direkt bei ihnen beziehen kann. Und zwar nicht nur, wenn es sich um einen Hersteller in der Nähe handelt, sondern auch aus Fernost. Bestes Beispiel dafür stellt die Plattform alibaba.com dar. Dort kann man alle erdenklichen Artikel direkt beim chinesischen Produzenten bestellen. Zwar mit einer Mindestbestellmenge aber dafür viel günstiger als beim Händler. Was also früher nur von wenigen grossen und bekannten Konzernen wie Dell oder Apple betrieben wurde, das verbreitet sich heute mehr und mehr – weil es der Konsument will und weil es natürlich für die Produzenten von der Marge her interessant ist.

Noch schrecken zwar vor dieser Umgehung des Handels viele Hersteller zurück, denn er birgt natürlich auch Risiken. Wer will schon kurzfristig den wichtigsten Abnehmer vergraulen und die Gefahr laufen, dass dieser nicht mehr bestellt. Doch, was kurzfristig ein Risiko ist, daran scheint langfristig kein Weg vorbeizuführen. Zumindest wenn man die gegenwärtige Entwicklung beobachtet und den Trendauguren folgt.

Doch ganz so eindeutig ist es nicht. Natürlich profitieren die Konsumenten durch das Internet von viel mehr Transparenz, von Vergleichbarkeit, von direkten Kommunikationsmöglichkeiten. Aber das kostet alles Zeit – und das ist letztlich auch ein sehr wertvolles und knappes Gut. Bei einem neuen Auto mag das Sinn machen, weil es A) finanziell interessant ist und B) für viele Konsumenten wohl eine spannende Auseinandersetzung. Aber was ist, wenn ich einen neuen USB-Stick, eine Zahnbürste oder einen neuen Kugelschreiber brauche? Will ich meine Zeit wirklich damit verbringen, direkt einen Hersteller dafür zu finden? Oder wenn ich eine Espresso-Maschine kaufe. Will ich da wirklich das Risiko eingehen, diese in Fernost zu kaufen? Und ich mal ein Problem damit habe? Ist mir da ein guter Service vor Ort nicht wichtiger als der günstigste Preis? Oder auch bei Modeartikel: Es ist nicht jeder Konsument ein Modepapst. Viele brauchen Führung, Empfehlungen, Filter, damit sie in der schier unendlichen Masse an Produkten, die für sich richtigen „finden“ oder eben eher empfohlen erhalten. Und genau hier wird es auch in Zukunft noch eine Legitimation für Händler geben. In der Vorselektion, in der Beratung, im Service. Das wird den Konsumenten auch in Zukunft etwas Wert sein, weil es für sie Zeit spart und Sicherheit gibt.

 

E-Commerce - MySign

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